|
Von Aeneas Rooch
Angenommen, Sie stehen im Finale der TV-Show "Geh' aufs Ganze" und dürfen eines von drei Toren wählen. Hinter einem befindet
sich ein Auto, hinter den anderen beidenein Zonk, eine Niete. Sie wählen Tor 1.Der Moderator zeigt Ihnen, dass hinter
Tor 2 ein Zonk sitzt, und fragt, ob Siebei Ihrem Tor 1 bleiben oder zu Tor 3 wechseln
wollen. Was tun Sie? Hinter einem der beiden verbleibendenTore muss ja das Auto stehen, also ist
es eine Fifty-fifty-Entscheidung. Falsch!Verblüffender Weise verdoppeln sich Ihre
Gewinnchancen, wenn Sie wechseln. Von denKandidaten, die sich umentscheiden, gewinnen
auf lange Sicht doppelt so viele wie vondenen, die bei ihrer ursprünglichen Wahl
bleiben. Wer sich das nicht vorstellen kann, seiberuhigt: Das sogenannte "Ziegenproblem"
(Niete = Ziege) wurde lange heftig diskutiertund ist ein hübsches Beispiel dafür, wie
uns unsere Intuition auf eine falsche Fährtelockt. Man kann berechnen, dass sich die Gewinnchance verdoppelt
|
und man kann es
auch simulieren (http://www.mathematik. uni-osnabrueck.de/staff/phpages/koch/ziegen/node2.html).
Knapp gesagt: Wenn Sie sich zum Gewinnen umentscheiden, haben Sie anfangs wohl einen
der Zonks gewählt (die Wahrscheinlichkeit beträgt 67%). Wenn Sie gewinnen, ohne das Tor zu
"Mathematik ist auch dort wichtig,wo es zunächst nichts zu rechnen gibt"
wechseln, haben Sie von Anfang an
das Auto erwischt (Wahrscheinlichkeit 33%).
Das Ziegenproblem zeigt, wie wichtig Mathematik auch dort ist, wo es auf den ersten Blick
nichts zu rechnen gibt. Genau dies interessiert den Statistiker Holger Dette. Der Mathematikprofessor
an der Ruhr-Universität Bochum hat nichts mit Lotterien, Datentabellen oder Balkendiagrammen zu tun, sondern entwickelt und optimiert
Verfahren. "Pharmakonzerne fragen sich zum Beispiel, wie ein neues Medikament zu dosieren ist,
|
damit es einerseits noch wirkt und andererseits möglichst wenig
Nebenwirkungen verursacht", erklärt er. Prinzipiell kann man solche Fragen beantworten,
wenn genug Daten erhoben werden. Doch jeder Medikamententest kostet, und je weniger
Versuchstiere oder Patienten untersucht werden müssen, umso besser. "Bei den Fragen,
wie viele Daten erhoben werden sollen, um verlässliche Aussagen treffen zu können,
kann die moderne Statistik helfen, Experimente und damit Kosten zu sparen."
Ein weiteres Forschungsgebiet sind Analyseverfahrenfür hochdimensionale Datenstrukturen. "Wir
nennen so etwas den Fluch der Dimension", sagt Prof. Dette. Dem begegnet man zum
Beispiel an der Börse, wo Aktien-, Zins- und Wechselkurse sekündlich notiert werden
- eine riesige Datenmenge. Wie kann manhier möglichst genaue Prognosen treffen
und Preise für Derivate festlegen, ohne alle Daten in die Rechnung einbeziehen zu müssen? Der Statistik zu glauben, ist gar nicht so leicht,
|
denn oft widerspricht unsere
Intuition. Ein Beispiel: Durchschnittlich eine von 1000 Personen ist Tbc-krank; ein
Test zur Erkennung zeigt in 95% aller Fälle eine vorliegende Erkrankung an, doch bei
Gesunden wird in 4% der Fälle irrtümlich Tbc diagnostiziert. Wenn der Test nun ausgibt,
Sie seien krank, ist keine Panik nötig:Erstaunlicher Weise haben nur zwei von
100 der Personen, die beim Test positiv reagieren, tatsächlich Tbc
(für Mathematik-Experten:
z.B. unter http://de.wikipedia.org/wiki/Satz_von_Bayes steht der Grund für dieses Ergebnis).
Die Wahrscheinlichkeit, dass beim Lotto eine Ziehung zwei Mal auftritt, ist gar
nicht so gering, wie man meinen könnte: Obwohl es fast 14 Millionen Möglichkeiten
gibt, einen Tipp-Schein auszufüllen, bestehtschon nach nur 4500 Lotto-Ziehungen eine
Chance von mehr als 50%, mindestens eine Reihe zu tippen, die es schon einmal gab.Für Firmen, die ihre Kosten minimieren wollen, führt kein Weg an statistischen Methoden vorbei.
|
Und wer im Reisezentrum
der Bahn Schlange steht, denkt in der Regel nicht daran, dass es eine aktuelle mathematische
Forschungsfrage ist, ob man den Bedarf auch mit weniger Schaltern decken kann
oder wie viele man mindestens zusätzlich einrichten muss. Der britische Schriftsteller H.G. Wells
hat schon vor über 100 Jahren erkannt:
"Statistisches Denken wird eines Tages genauso wichtig sein für eine aufgeklärte
Gesellschaft wie die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben", längst gehören Aufgaben
wie das Ziegenproblem auf den Stundenplan der Oberstufe. Alle, die sich nicht dafür
interessieren, brauchen sich nicht zu schämen - es interessiert sich ja auch nicht jeder
für z.B. Archäologie. Sie müssen aber damit leben, dass die anderen doppelt so oft
das Auto gewinnen.
In der nächsten Folge:
Flächen, die keine Rückseite haben - und womit sich moderne Geometrie sonst noch befasst.
|